zurück   Lift Stuttgart, 12/1999

Büchsenstechen
Weihnachten in Ghana

"So wird also in Ghana der Weihnachtsmann begrüßt", dachte ich. Mein Mitbewohner Abraham tanzte wild durch die Küche. Er nahm immer wieder eine Handvoll Popcorn aus der heißen Pfanne, brüllte abwechselnd "Uhh hot" und "Helau", zuckte zusammen und richtete sich wieder auf, während er das weiße Zeug über sich in die Luft warf. Abraham und ich waren die einzigen auf unserem Stockwerk, die Heilig Abend im Studentenwohnheim verbrachten. Mein afrikanischer Freund hatte kein Geld, um zweimal im Jahr in seine Heimat zu fliegen und ich hatte keine Lust mir das Weihnachtsgedünse zu geben. "Gute Besserung mein Kleiner" hatte meine Mutter ins Telefon gehaucht, als ich zwei Tage vor dem Weihnachtsfest zuhause anrief und von der schrecklichen Grippewelle erzählte, die Stuttgart heimsucht. "Wie die Pest damals", erzählte ich ihr. Aber das half nichts "Dein Vater und ich kommen dich dann am zweiten Weihnachtstag besuchen", sagte sie noch. Wenigstens hatte ich am anstrengendsten Tag des anstrengendsten Festes im Jahr meine Ruhe.

Abraham und ich saßen am Abend in der Küche. Wir erzählten uns, wie Weihnachten zuhause ist. "Also bei uns im Norden begrüßen wir den Weihnachtsmann mit Büchsenstechen", sagte ich. "Da schnappt man sich ein paar Bierbüchsen, macht unten ein Loch rein, setzt das Gerät an den Mund und zieht oben den Verschluss" Abraham hörte interessiert zu. Ich erinnerte mich an Onkel Peer, dem ich an Heilig Abend vor zwei Jahren erzählt hatte, dass es dort wo ich studiere üblich sei, noch vor der Mitternachtsmesse zwei oder drei Büchsen zu stechen. Ich erinnerte mich auch, dass sich Onkel Peer anschließend bei der Messe vor die Kirche entlehrte und dass ihn dieser Vorfall eine größere Spende in den Kolekte-Beutel kostete.

Abraham war ein aufgeschlossener Mensch. Also nahm er an meinem heimatlichen Weihnachtsmannbegrüßungsritual teil - einmal, zweimal und weil ich ihm erzählte, dass man am Tag von Christi' Geburt üblicherweise neben dem Weihnachtsmann auch noch die drei Weisen aus dem Morgenland grüßen sollte, ein drittes, viertes und fünftes Mal. Nachdem wir uns in einer Begrüßungsorgie alle in den Armen lagen - Abraham, der Weihnachtsmann, die drei Weisen und ich - wollte mir mein Kommilitone zeigen, wie er normalerweise Heilig Abend mit seiner Familie in Ghana begeht. Er brabbelte irgendwas, begann zu lachen und vollführte plötzlich eingangs beschriebenen wilden Tanz. "Coole Sitten in Ghana", dachte ich. "Die sind dort keine Kinder von Traurigkeit". Am nächsten Tag traf ich Abraham auf dem Gang. Er sah nicht gut aus. Abraham erzählte mir mit dünner Stimme, daß seine Mutter normalerweise eine Weihnachtsgans macht und die ganze Familie abends um den Weihnachtsbaum herum sitzt und "Stille Nacht, heilige Nacht" singt. Abraham erzählte auch, daß sein Vater Diplomat war. Den größten Teil seines Lebens hätte er mit seiner Familie in irgendwelchen westlichen Metropolen verbracht. Und bevor er wieder richtung Bett schlich, sagte Abraham noch, dass er eigentlich noch nie zuvor Alkohol getrunken hatte.