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Zentrifugal - Geschichte, Geschichten und Telefonzellen

Die Zentrifugal-Story beginnt anno 1993 mit einer Schul-Exkursion des Bremer "Alten Gymnasiums" nach Paris. Loris Negro und Bastian Böttcher lernen sich durch gemeinsame Vorlieben kennen: Statt dem Louvre, besuchen die beiden lieber die Flohmärkte der Stadt, um nach alten Platten zu stöbern. Fortan sind MC Bastian Böttcher und DJ Loris Negro "Zentrifugal" (Z-FU). Die ersten Versuche, Musik zu machen, muten experimentell an. Um zu erfahren, wie sich wohl Rap-Sound in einer Bassdrum anhört und -fühlt, stellen sich die zwei in eine Telefonzelle, hämmern im Takt gegen die Scheiben und rappen. Von diesem Forscherdrang ist bis heute nichts verloren gegangen. Anfang der 90er war deutschsprachiger HipHop salonfähig geworden, nun galt es ihn zu kultivieren. Schon bei den ersten Live-Auftritten in öffentlichen Fernsprecheinrichtungen kristallisiert sich heraus, daß die Z-FUs nicht so ganz in das amerikanische und zunehmend neudeutsche Bild des Baggypant bewehrten HipHoppers passen wollen. "Ich mag Rap, wenn er etwas erzählt und nicht nur Nonsens verbreitet", erklärt Bastian Böttcher. Er verbindet in seinen Texten Poesie und Rap. Unterstützt von DJ Loris Negros Sound, schaffen Zentrifugal den Crossover zwischen Straßenkultur und Schöngeist.

Bastians Rap-Poesie ist stark verwandt mit der amerikanischen Slam-Poetry: Etwa um 1985 veranstalten junge Dichter erstmals in Chicagoer Jazzclubs Literaturwettbewerbe und nennen sie Slams. Mit Lesungen im klassichen Sinne haben die Poetry Slams nicht mehr viel zu tun - mehr mit einem literarischen Experiment mit hohem Unterhaltungsfaktor, in das das Publikum und die Jury einbezogen wird. Mitte der 90er Jahre schwappt die Poetry Slam-Begeisterung über den großen Teich nach Europa. Als einer der ersten HipHopper in Deutschland erkennt Bastian Böttcher die Geistesverwandschaft zwischen den slammenden Poeten und dem Rap. "Was früher der Jambus war, ist heute der 4/4 Takt des Raps", erzählt der junge Dichter. Er beginnt, seine Lyrik rappenderweise bei Poetry Slams im In- und Ausland vorzutragen. Was beim ersten Hören der Z-FU-Texte wie ein nettes Wortspiel erscheint, offenbart bei jeder weiteren Betrachtung einen anderen Sinn. Die Texte entwickelt immer neue, verblüffende Gedankengänge. So kann "Rumkugeln auf Tibet-Teppichen" (aus: Süßes Leben) häßliche Flecken, zu zweit aber auch mächtig viel Spaß machen. Die Faszination der Böttcherschen Texte läßt sich jedoch nicht auf dieses eine Phänomen reduzieren. Poesie funktioniert, oder sie tut es nicht - und niemand weiß so genau warum. Fest steht: Die Texte der Z-FUs funktionieren. Denn obwohl Böttchers Poesie so künstlich ist wie jeder geschriebene Text, wirkt sie nicht gekünstelt. Bastian Böttcher malt mit Worten stimmungsvolle Bilder, die alltägliche Geschichten einer jungen Generation erzählen.
Der Erfolg spricht für Bastian Böttcher. Bereits als 20-jähriger gewinnt er 1995 den Poetry Slam der Berliner Literaturwerkstatt und wird vom Goethe Institut zum "Deutsch-Nuyorican-Poets-Festival" nach New York eingeladen. Dort steht er mit Autoren wie Durs Grünbein, Thomas Kling und Elke Erb auf der Bühne. Weitere erste Preise bei Poetry Slams folgen: 1996 in Hamburg und Essen, ein Jahr später beim 3. Internationalen Poetry Slam in Amsterdam und beim 1. Deutschen National Poetry Slam in Berlin. 1998 leitet Bastian Böttcher im Auftrag des Bremer Literaturkontors ein Workshop für Nachwuchs-MCs und nimmt am "Festival für experimentelle Lyrik und Musik" des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Heidelberg teil. Außerdem finden seine Texte ihren Weg in verschiedene Lyriksammlungen, darunter auch in die Anthologie "Trash Piloten - Texte für die 90er" (Reclam, Leipzig 1997).

1994 gewinnen Zentrifugal den ersten Preis eines HipHop-Nachwuchscontest, der im Rahmen des Kulturfestes "Breminale" in der Hansestadt Bremen ausgetragen wird. Die Songs, zusammengebastelt auf einem Home-Computer, und die ungewöhnlich rap-poetischen Texte überzeugen die Jury. Als Preis gibt es Studioaufnahmen. Die eingespielten Bänder werden in Eigenregie der Z-FUs auf eine 7" Vinylscheibe gepreßt. "Dichtung und Wahrheit" kommt mit vier Tracks, einer Auflage von 1000 Stück und einer abenteuerlichen Vorgeschichte auf die Plattenteller: Völlig pleite kommen Loris und Bastian von einem Zivi-Lehrgang aus dem weißrussischen Minsk zurück, während die ersten 500 Platten in einem Presswerk in der Nähe von Prag schon auf ihrer Abholung warten. Bastian springt früh abends in Berlin aus dem Bus, trampt in die Innenstadt, um einen Auftritt im Club Delicious Doughnuts zu absolvieren, wo er sich das Geld für die Fahrkarte nach Prag verdient. Nach dem Konzert nimmt er den ersten Nachtzug in die tschechische Hauptstadt. Dann wird es hektisch: Morgens angekommen heißt es, das Dorf mit dem Presswerk, das Presswerk selbst und die Platten zu finden, außerdem die Formalitäten am Zoll zu erledigen und danach wie ein Muli mit zwei schweren Kartons bepackt, den letzten Zug nach Bremen zu bekommen, wo Loris schon mit den selbstkopierten Covers wartet. Noch am selben Abend steigt die Record-Release-Party. Etwas weniger nervenaufreibend geht es bei der ersten CD Veröffentlichung der Z-FUs zu. Ebenfalls '94 liefern sie einen Song zum "Nordseite Sampler" ab. Das Album mit Stücken u.a. von FAB, Lyrical Poetry und Saprize ist ein Querschnitt der Bremer HipHop-Szene. Es folgen weitere Sampler-Beiträge und eine Tour durch Österreich, die Schweiz und Italien im Vorprogramm der Crossover-Rapper von Such A Surge.

Daß Zeitdruck durchaus das Super Plus für den Motor der Kreativität sein kann, beweisen die Z-FUs beim "Rosebud Red"-Sampler der im Frühjahr 1999 erscheint. Die CD mit vertonten Nietzsche- und Goethe-Texten wird von der Stadt Weimar, Kulturhauptstadt Europas 1999, veröffentlicht. Drei Tage vor Deadline erhalten die Z-FUs den Auftrag, ein Stück für den Sampler abzuliefern. Bastian probt zu diesem Zeitpunkt in Berlin, während Loris im Bremer Studio steht. Die beiden stecken am Telefon den ungefähren Rahmen für den Titel ab und legen jeder für sich los. "Ich kannte eigentlich nur eine halbe Strophe und ein ungefähres Tempo", erzählt Loris. Noch am selben Tag schreibt er die Musik und schickt die Bänder per Kurier nach Berlin, wo Bastian schon am Text arbeitet. Am Abend steigt der MC in den Zug nach Bremen und hastet vom Bahnhof direkt ins Studio. Dort wird das Stück über Nacht aufgenommen und abgemischt. Tagsdrauf gehen die Bänder in die Post nach Weimar. Die Entstehungsgeschichte von "Faust geballt" ist nicht ungewöhnlich für die Arbeit der Z-FUs. "Die meiste Zeit bastelt eigentlich jeder für sich", erzählt Loris Negro, "nach sechs Jahren Zentrifugal kennt man den musikalischen Stil des anderen". Den Ergebnissen ist anzuhören, daß es die ehemaligen WG-Genossen auch nocheinmal zwei Jahre unter dem Dach einer Wohngemeinschaft aushalten würden.

Den ersten eigenen Longplayer liefern die Z-FUs 1996 ab: das "Poesiealbum". Der Titel des Tonträgers ist keineswegs zu hoch gegriffen, denn die von Bastian und Loris entworfene CD-Hülle gleicht einem Poesiealbum - inklusive Lesezeichen und Bildchen von kleinen fleischigen Engeln im Booklet. Für die 14 Stücke auf dem Album gibt es einiges an Lob. "Die Tocotronic des deutschen Rap", vergleicht das Musikmagazin "Visions". Es folgen weitere Sampler-Beiträge, u.a. für "INTROducing 5" und den VIVA-Sampler "Das Gelbe vom Ei".

"Tat oder Wahrheit", das zweite Album der Z-FUs, erscheint im Herbst 1999. Die Stücke sind vielfältiger und atmosphärischer als noch auf dem Poesiealbum: Spacige Sounds sind genauso zu hören, wie jazzige Elemente, coole Bar-Klänge und schnelle Beats. "Stilistisch ist es HipHop, aber der Sound ist trotzdem sehr experimentell", erzählt DJ Loris Negro. Musik und Texte lassen plastische Szenen vor dem geistigen Auge der Hörer entstehen. Wenn Bastian Böttcher von "Diesigen Tagen" rappt und Loris Negros atmosphärische Sounds durch die Lautsprecher wabbern, sieht man in Gedanken den Regen an die Fensterscheibe prasseln. Auch bei "Tat oder Wahrheit" steht wieder das im Mittelpunkt, was die Z-FUs am besten können - die Rap-Poesie.